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Reisebericht zu Madeira→Calheta→Paul da Serra Encumeada-Pass

Aussichtsreiche Wanderung an der Levada do Rabacas unterhalb des Encumeada-Pass

Wandern im Folhadal

Unterhalb des Encumeada-Pass wollen wir ins Folhadal wandern, ein weithin gepriesenes Flora-Paradies. Bauarbeiten im Tunnel der Levada verwehren uns leider diesen Weg. Doch auch entlang der Levada do Rabacas genießen wir bei strahlendem Wetter spektakuläre Aussichten über das südliche Hochgebirge bis hinunter ins Tal der Ribeira Brava, kleine Schwindelkitzel an ausgesetzten Stellen inbegriffen. Kleine Touristen-Schauspiele gibt es zur Pause am Brotzeitplatz noch gratis dazu. Schließlich werden Bastlerträume wahr, als wir die Pfarrkirche von Ribeira Brava besichtigen.

Gestern hatte der Wettergott jegliche Aktivitäten unter freiem Himmel unterbunden, so dass wir in Funchal noch einen Museumstag eingelegt hatten. Für heute wollen wir die unterbrochenen Wanderplanungen wieder aufnehmen. Schließlich ist unser letzter Urlaubstag angebrochen, viel zu schnell, und noch so viele Wanderplanungen offen. Falls der Encumeada-Pass von Ribeira Brava aus zu sehen sein sollte, werden wir dort hinauffahren. Notfalls eben weiter nach Santana, um die von mir ersehnte Wanderung ins Calderaio Verde zu versuchen.

Vom Encumeada-Pass ins Folhadal wandern: Bauarbeiten verwehren uns die Botanik-Anschauung

Tatsächlich sind zwar dunklere Wolken zu sehen, die in der Gegend von Funchal auf das Festland zu ziehen, der Pass liegt aber unter einem leuchtend blauen Himmel. Wir tuckern also gemütlich hinauf, ziehen die Wanderschuhe an und machen uns auf den Weg ins Folhadal, das als botanische Perle gepriesen wird. Weil die Parkplätze an der Snack-Bar direkt unterhalb des Sattels belegt sind, stellen wir das Auto auf die Anhöhe, von der wir zu Anfang der Reise schon mal die beiden Küstenlinien bestaunt haben. Das beschert uns einen kurzen, steilen Abstieg zur Levada, die unterhalb der Kitscheria vorbeifließt. Dann wandern wir wie gewohnt auf einem gemütlichen Weg neben einer erstaunlich vollen und lebhaften Levada dahin, noch dazu auf der Ribeira Brava zugewandten Sonnenseite.

In unserem Rücken erhebt sich der Felsgrat Boca da Corrida über Curral das Freiras, auf dem der vom dortigen Aussichtspunkt Eia do Serrado schon einmal ausgespähte Wanderweg jetzt von der Rückseite in der Sonne deutlich zu sehen ist. Wehmütig gehe ich ihn mit dem Fernglas ab. Aber etwas muss man sich ja aufheben für das nächste Mal. Vor uns ragt die dunkel bewaldete Bergkette des Cascalho auf, hinter der sich dann die Hochebene von Paul da Serra ostwärts erstrecken müsste. Unter uns liegt das obere Tal der Ribeira Brava in der Sonne, dahinter glitzert das Meer. Die Küstengemeinde selber liegt hinter einem Höhenzug versteckt. Auch hier sind wir natürlich nicht mehr allein. Neben den anderen Wanderern treffen wir auch Bauarbeiter, die offenbar an der Instandhaltung der Levada arbeiten. Wenigstens hier muss sich Lore nicht um diese lästigen Dinge sorgen.

Anscheinend tun die Bauarbeiter jedoch mehr: Über dem Tunnel, durch den wir laut Wanderführer zur anderen Kammseite ins Folhadal an die Levada do Norte durchstoßen könnten, hängt ein fettes Baustellenschild. Die aufgemalten Hinweisbilder verordnen Sperrung für das Publikum, Helmpflicht und Vorsicht vor schwebenden Lasten. Der Boden ist mit schweren Holzbohlen abgedeckt und laute Geschäftigkeit im Inneren lässt uns vermuten, dass diese Sperrung wohl ernst gemeint ist. Lore will aber ohnehin lieber auf der Sonnenseite bleiben, die Sicht nach Sao Vincente an der Nordseite können wir schließlich auch von der Passhöhe aus genießen.

Die Levada do Rabacas bietet dafür spektakuläre Bilder

Wir folgen also "unserer" Levada weiter auf der Südseite, die jetzt die Sicht auf einen klotzigen Adlerfelsen freigibt. Von dessen Dach aus könnte man eine hervorragende Brandwache für das ganze Tal der Ribeira Brava halten. Mit jeder Windung der Levada ändert sich der Blick auf diesen Koloss, mal wirkt er schmal und spitz, dann wieder breit und klotzig. Nach einer guten Wegesstunde hat Lore genug und sucht sich ein gemütliches Sonnenplätzchen. Ich möchte aber noch die Quelle des in der Ferne hurtig plätschernden Wasserfalls, vulgo (für uns) "Ui" erkunden und laufe noch ein wenig weiter. Seit unserer Sumatrareise bezeichnet Ui einen Wasserfall. Angesichts unserer entsprechenden Ausrufe hatten unsere einheimischen Führer damals geglaubt, dies sei die deutsche Bezeichnung dafür.

Am Gegenhang des Lombos, in dessen Wurzel der Ui liegen muss, kämpfen ganz unverzagte Wanderer vergeblich mit der Überquerung eines Geröllfeldes, hinter dem jedoch aus meiner Sicht auch nichts Spannendes mehr zu entdecken ist. Das stimmt nicht ganz, denn erprobte Bergfexe stoßen nach Umrundung dieser Hangzunge auf den 2 km langen Tunnel von Rabacas, dessen Durchquerung ins Gebiet der Levada do Paul führt. Solche Experimente erfordern aber auch am Rand einer plätschernden Levada Ausrüstung und Erfahrung.

Auch mein Weg wird jetzt doch abenteuerlicher mit kopfhohen Felsüberhängen auf ausgesetztem Betonband. Am Talgrund dahinter, wo der Ui hinabrauscht, sind jedoch wieder heftige Bauarbeiten im Gange, so dass ich ebenfalls umkehren muss. Immerhin habe ich ihn gesehen und spektakuläre Levada-Fotos gab es gratis dazu (siehe Logo im Seitenkopf).

Bei Lore angekommen schmauchen wir eine gemütliche Wiedersehenszigarette, als eine kleine Wandergruppe des Wegs marschiert. Wir ziehen uns höflich etwas weiter in den Fels zurück, um auf dem bequemen Weg Platz zu machen. Der vorangehende Herr der Schöpfung zieht auch mit stolz geschwellter Brust und klappernden Teleskopstöcken an uns vorbei, während die nachfolgende Dame bockt und sich schnaufend an die Felswand lehnt. Ihre Schwindelunfreiheit gestattet ihr offensichtlich die zwar enge, aber kaum ausgesetzte Passage nicht. Als höfliche Wandergesellen sind wir gezwungen, unsere Ruheposition aufzugeben, um sie herumzustapfen und den Rückweg anzutreten. Es bleibt allerdings ein Rätsel, wie das Zicklein es bis hierhin geschafft hat, denn an manchen der leicht ausgesetzten Stellen gibt es nicht einmal die Felswand, um sich festzuhalten. Für solche bedauernswerten Menschen ist eine solche Wanderung sicher kein Zuckerschlecken, von der aus Konzentration auf den Boden entgangenen Aussicht ganz zu schweigen.

Der kurze Aufstieg zum Pass ist für Lore gerade noch zu bewältigen, dahinter lockt auch gleich der sonnige Brotzeitplatz. Ein schon unterwegs begrüßtes Ehepaar aus dem alpenländischen Raum drückt sein Bedauern aus, dass "sie" uns einfach den Weg ins Folhadal geklaut hätten, nimmt es aber ansonsten ebenso gelassen wie wir. Der zufrieden zu ihren Füßen ruhende Platzhund erwartet mit unserer Ankunft neues Fressen und begleitet uns gleich voller Vorfreude zur nächsten Sitzgruppe. Natürlich kriegt er auch was ab und macht sich freudig über Teile der trockenen Semmel her, aber den Käse essen wir schon selber. Danach legen wir uns alle drei zufrieden in die Sonne.

Brotzeitplatz mit Aussicht auf Natur, Touristenschauspiel am Encumeada und Lores Bastlertraum in der Kirche von Ribeira Brava

Die Ruhe wird aber schon bald gestört durch neue Attraktionen. Im Zehn-Minuten-Takt werden plötzlich Busladungen von Touristen vorgefahren, die vernehmlich schwärmend die Aussicht bewundern. Und natürlich uns zwei Paare, die wir für sie die Abenteuerlichkeit der echten Bergwandererromantik darstellen. Für uns andererseits ist es ganz unterhaltsam, friedlich in der Sonne dösend dem Geschwätz der Leute zuzuhören. Natürlich sind die Nordlichter wieder die Oberschlausten und erklären ihren Mitreisenden ohne Punkt und Komma die Besonderheiten des madeirenser Lebens im Allgemeinen und die Windverhältnisse in Canico, wo sie ja heute alle herkommen, im Besonderen. Als noch ein portugiesischer Großfürst hinzukommt, der alle Anstalten macht, mit am Ohr klebendem Handy am Nebentisch sein Büro zu eröffnen und dabei ausladend in die Landschaft dirigiert, wird es uns zu hektisch und wir fahren nach Ribeira Brava zurück zu einem abschließenden Dorfspaziergang.

Bei einem Bica beobachten wir das Leben auf der Strandpromenade und freuen uns, dass unsere brave und unverzagte Parkscheinkauferei nicht vergebens war. Ein Polizist spaziert tatsächlich mit gezücktem Block die Strasse entlang. Obwohl schon etwas fußlahm, schlendern wir noch durch die Gassen wegen der Lösung unserer letzten Aufgabe, nämlich einen Briefkasten für die letzte Postkarte aufzutreiben. Bei der Kirche finden wir schließlich die Post mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass erstere jetzt geöffnet ist. Gott sei Dank erst heute, am letzten Abend.

Die Pfarrkirche beherbergt in ihrem Hauptschiff nämlich die beiden bombastischsten Kronleuchter, die wir je in einem Gotteshaus gesehen haben. Hunderte von Glasanhängern glitzern im Licht der LED′s. Sozusagen Lores Bastlerparadies. Fast erschrocken bewundert sie den Glasregen. Nicht auszudenken, zu welchen Ideen sie sich hätte hinreißen lassen, wenn wir das schon früher entdeckt hätten. Nachts werde ich davon träumen, wie sie sich mit einer Leiter bewaffnet in die Kirche schleicht.

Daheim gibt es noch einen Sundowner zusammen mit der Katze, die uns leider dankbar mitputzen will, dies aber wie beim eigenen Fell gewohnt mit Zähnen und Krallen tut. Als sie daraufhin das gemütliche Schoßplätzchen verlassen muss, reagiert sie etwas beleidigt. Zum Abschluss gibt es noch hervorragende restliche Nudeln mit Ragout aus ugandischem Nilfisch (so stand es jedenfalls auf dem Schild) und ausgiebigem Glotzen auf das nachtschwarze Meer unter jetzt frisch aufgefülltem Vollmond.

Wenn Sie dem Verlauf dieser Reise folgen möchten

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Anschauliche Medien im Madeiran Story Museum

Nach Erledigung der Pflichteinkäufe finden wir im historischen Museum Zusatzinformationen, alte Filmdokumente und interaktive Medien zur jüngeren Vergangenheit Madeiras

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Chaotischer Rückflug mit dem Lumpensammler

Wegen der plötzlichen Flugplanänderung verlassen wir Calhetas Beach Studio früher und genießen die Aussicht in Santa Cruz. Statt nach München fliegen wir erst nach Teneriffa.

Und hier der Gesamtüberblick dieser Reise mit allen Berichten


© 2004-2014 by Martin Haisch Gastromartini gastrobetreuung.de

Zuletzt aktualisiert am 27. Mai 2014

Mit ausdrücklichem Dank an Apachefriends und alle Open-Source-Entwickler, deren Arbeit solche Projekte erst ermöglicht
sowie an Lore für Begleitung und Ertragen programmierungstechnisch bedingter Abwesenheiten

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